Sofia - the insider`s guide
Leute & Gesellschaft

Bulgariens Bevölkerung zählt knapp 8 Millionen Menschen bei einer rückgängigen Geburtenrate und einer starken Emigrationsbewegung. Das heutige bulgarische Volk entwickelte sich im Wesentlichen aus drei ethnischen  Gruppen: den Thrakern, den Bulgaren (oder Proto-Bulgaren) und den Slawen. Der genetische Pool dieser sehr unterschiedlichen Ethnien aus weit auseinanderliegenden Teilen Europas und Asien verschmolz über Jahrhunderte hinweg und schuf den typischen Bulgaren, wie wir ihn heute kennen: überwiegend schwarzhaarig und dunkeläugig mit olivenfarbenem Teint, von mittlerer Größe und Stärke.
Die meisten Bulgaren bekennen sich zum orthodoxen Glauben, doch in den südlichen Landesteilen gibt es beträchtliche muslimische, vor allem türkischstämmige Glaubensgemeinschaften. Die Pomaken in den Rhodopen sind ethnische Bulgaren, die im 16. Jahrhundert unter der osmanischen Herrschaft zum islamischen Glauben übergetreten sind. Außerdem gibt es bedeutende armenische und jüdische Gemeinden.
Im Allgemeinen gelten die Bulgaren als friedliebend und leben mit ihren Nachbarn in Harmonie, auch gibt es vergleichsweise geringe Spannungen zwischen den ethnischen Kulturen. Allerdings muss die etwa 3% der Bevölkerung stellende Minderheit der Roma als diskriminiert gelten, auch brechen in ihren Ghettos gelegentlich gewalttätige Auseinandersetzungen aus. Auch Menschen aus Asien oder Afrika spüren zuweilen Rassenvorurteile.

Gesellschaft
Nach fast fünfundvierzigjähriger kommunistischer Herrschaft ging Bulgarien 1990 zur Demokratie und Marktwirtschaft über und lehnte sich an den kapitalistischen Westen an. Doch Fortschritt stellte sich nur langsam ein, da sich die politische und wirtschaftliche Geschichte des Landes nicht so einfach unter den Teppich kehren ließ.
Korruption und organisierte Kriminalität haben es während der letzten achtzehn Jahre vor allem Gaunern leichtgemacht, sich zu bereichern; Akademiker, Künstler und Leute von hoher Moral zahlten dagegen die Zeche. Doch jetzt finden Leute mit Geschäftssinn und Fremdsprachenkenntnissen gute Arbeits- und Geschäftsmöglichkeiten, und so wird die Bilanz neu erstellt.
In Bulgarien ist die Großfamilie in vielerlei Art und aus unterschiedlichen, nicht zuletzt wirtschaftlichen Gründen weiterhin üblich, oft leben drei Generationen unter einem Dach. Paare heiraten zumeist zwischen 20 und 29 Jahren und haben nur ein Kind; da für gewöhnlich beide Partner voll berufstätig sind, helfen die pensionierten Großeltern bei der Kindererziehung mit. In den letzten Jahren verbreitet sich aber die Tendenz zum zweiten Kind, wenn es auch oft erst zehn Jahre nach dem ersten geboren wird. Vielleicht ist dies ein gutes Zeichen für das Wiedererwachen des Optimismus in der bulgarischen Gesellschaft.

Zurück in die Schule
Die meisten Kinder besuchen die staatliche Schule. Deren Besuch ist zwar kostenfrei, doch Schulbücher und sonstige Lehrmaterialien müssen erworben werden. Seit 1989 ist eine wachsende Zahl von privaten Schulen eröffnet worden, doch zögern viele Eltern, ihre Kinder in eine Schule zu schicken, von der man nicht weiß, wie ihre Leistungen sind.
Die meisten staatlichen Schulen haben zwei Unterrichtsschichten, eine morgens und eine nachmittags. Die üblichen Schulzeiten sind von Montags bis Freitags von 8 Uhr morgens bis 1 und mittags und von 1 Uhr bis 6 Uhr abends. Für diejenigen Kinder, deren Eltern ganztags berufstätig sind, gibt es eine Art Hort, in dem die Kinder zu essen bekommen und bei den Hausarbeiten beaufsichtigt werden. Die Nachfrage nach solchen Plätzen ist natürlich sehr groß. Obwohl der akademische Standard der Schulen generell hoch ist, scheinen die Lehrmethoden doch sehr traditionell, und Kindern mit besonderen Bedürfnissen oder Konzentrationsschwierigkeiten wird keine spezielle Betreuung zuteil. Das Schulsystem gliedert sich in folgende Abschnitte: Unterstufe von der 1. bis zur 4. Klasse, Mittelstufe von der 5. bis zur 7. Klasse und Oberstufe von der 8. bis zur 12. Klasse. Die Schule beginnt für Kinder ab sieben Jahre. Wenn die Kinder in die Mittelstufe kommen, müssen Eltern oft einen Teil ihres hart verdienten Geldes in private Stunden investieren, um ihrem Kind die Chance auf einen der heißbegehrten Plätze in den Spezialschulen zu geben. Für die Aufnahme in jeweils auf Mathematik, Französisch, Englisch, Deutsch oder alte Sprachen usw. spezialisierte Schulen erfolgt durch Prüfungen. Das Notensystem verläuft von der besten Bewertung 6 abwärts zur 1. Das Schuljahr beginnt in Bulgarien am 15. September. Traditionell schenken die Kinder ihren Lehrern dabei Blumen, es gibt eine kurze Segnung durch einen Priester und ein von den Schülern veranstaltetes Kulturprogramm.


Jugend
Ein großer Teil der bulgarischen Jugend nimmt weiterführende Ausbildungsmöglichkeiten in Anspruch, und viele streben eines Tages die Emigration an. Viele von denen, die das Land verlassen, um im Ausland zu studieren, würden es wohl vorziehen, nach ihrer Ausbildung nach Bulgarien zurückzukehren, wenn sich ihnen hier angemessene Karrieremöglichkeiten böten.
Ihre Gründe, ein Studium im Ausland anzustreben, unterscheiden sich kaum von denjenigen, die andere junge Leute auf der ganze Welt dazu bewegen zu reisen und zu emigrieren: bessere Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten, höherer Lebensstandard, Abenteuer, die Lust, eine Sprache zu lernen und internationale Erfahrung zu sammeln. Danach begegnen sie den Problemen in Bulgarien oft mit optimistischer Tatkraft und erkennen, was zu tun ist: die Notwendigkeit, Kriminalität und Korruption zu bekämpfen, die Verkehrssicherheit und öffentlichen Sauberkeit zu erhöhen und die Ausbildungs- und Karrierechancen zu verbessern. Obwohl viele Jugendliche der Politik skeptisch gegenüberstehen, hoffen viele darauf, der zum Anfang 2007 erfolgte Beitritt des Landes zur Europäischen Union möge diese notwendigen Veränderungen voranbringen.
Das Ende der Schullaufbahn ist im Leben eines jungen Bulgaren ein wichtiges Ereignis, und gerade in den letzten Jahren nehmen die Feierlichkeiten zu diesem Anlass etwas überhand. Jedes Jahr Ende Mai  wird der Straßenverkehr in den Städten von hupenden Autokarawanen mit johlenden und halb aus den Fenstern hängenden Schulabgängern beeinträchtigt. Die Parade von Luxus-Autos, in denen junge Leute in sündhaft teuren Kleidern durch die Stadt fahren, hat eine theatralische Komponente. Das Spektakel dauert mehrere Tage, und auf die allgemeine Sicherheit wird wenig Rücksicht genommen.
Bis vor kurzem war der Militärdienst für junge Männer verpflichtend neun Monate und der Zivildienst zwei Jahre, doch im November 2007 wurde die Wehrpflicht zugunsten einer Berufsarmee abgeschafft.
 
Frauen
Obwohl die meisten der besten Jobs in der Hand von Männern sind, kann wohl mit Recht behauptet werden, dass die Frauen das Rückgrat der bulgarischen Gesellschaft bilden. Viele sind talentiert und gut ausgebildet und scheuen sich nicht vor harter Arbeit. Die meisten Frauen arbeiten ganztags und kümmern sich außerdem um Haushalt und Familie. Die ihnen eigene Energie und ihr Enthusiasmus haben mancher von ihnen in den letzten Jahren nicht nur zu Erfolgen in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft verholfen. Manche Berufszweige -  wie zum Beispiel der Lehrerberuf -  werden von Frauen dominiert.

Wohneigentum
Es war wohl mit das Beste, was der Kommunismus den Bulgaren beschert hat: die Möglichkeit zum Erwerb von Wohneigentum. Die meisten Bulgaren besitzen ihr Haus oder ihre Wohnung und müssen keine Miete zahlen. Viele von denen, die in den Städten wohnen, haben auf dem Land Familie und können so auch in den schlechten Zeiten auf deren Unterstützung mit Lebensmitteln  rechnen.

Gesundheitswesen
Der gegenwärtige Zustand der Gesundheitsfürsoge in Bulgarien ist rückständig und unterfinanziert, obwohl das medizinische Personal gut ausgebildet und fähig ist. Lange Wartezeiten, schlechte hygienische Bedingungen und wenig motivierte Arbeitskräfte im staatlichen Gesundheitswesen lassen viele, die es sich leisten können, die Dienste der zahlreichen in den letzten zehn Jahren entstandenen privaten Kliniken in Anspruch nehmen. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Vorsorge ist allgemein noch auf geringem Niveau, doch wurden in den letzten Jahren verstärkt Anstrengungen unternommen, die Bevölkerung über die Vorsorgemöglichkeiten bspw. bei AIDS und Brustkrebserkrankungen aufzuklären. Die Bulgaren sind ein Volk starker Raucher und Trinker, so kann die alarmierend hohe Rate an Herzattacken speziell bei Männern über 40 Jahren nicht überraschen.

Waisen
Einer der größten Schatten, der über der bulgarischen Gesellschaft liegt, ist die noch immer überproportional hohe Anzahl von sogenannten Waisen-Kindern in sozialen Einrichtungen. Tatsächlich ist nur ein kleiner Teil dieser Kinder wirklich verwaist. Ein großer Prozentsatz der Kinder in staatlicher Fürsorge entstammt der Minderheit der Roma, und ihre Eltern sind am Leben. Es gibt immer wieder politische Diskussionen darüber, wie die Situation dieser Kinder verbessert werden kann. Man will sie schneller in die Gesellschaft integrierten und setzt dabei verstärkt auf die Mithilfe von Verwandten, Freunden oder bulgarischen Familien. Nur selten aber gibt man diese Kinder zur Adoption frei, und  teilweise werden sie auch von ihren Eltern zurückgefordert, wenn sie alt genug sind, zum Familieneinkommen beizutragen. Außerdem gibt es eine große Zahl behinderter Kinder, darunter auch viele aus bulgarischen Familien. Bulgaren mit Adoptionsinteresse ziehen in der Regel „weiße – perfekte“ Kinder vor und so kann die Wartezeit für die Adoption eines gesunden bulgarischen Kindes kürzer sein als die Zeit einer Schwangerschaft. Bei Interesse an der Adoption eines bulgarischen Kindes sollte die Botschaft für erste Hilfestellung kontaktiert werden.

Altenpflege
Ohne Zweifel ist für die ältere Generation das Leben in der post-kommunistischen Gesellschaft am schwierigsten. Viele von denen, die gar nicht mehr damit gerechnet hatten, die Befreiung ihres Landes zu erleben, werden nun durch die Zeit des Übergangs vor große Probleme gestellt. Die Zeitläufte sind gegen sie, und ihre Pensionen reichen kaum aus, die Heizkosten zu tragen. So sind viele von ihnen notleidend und verzweifelt, und manche sehen sich gar gezwungen, Mülleimer nach Verwertbarem zu durchsuchen oder in den Straßen zu betteln.
Viele Rentner haben keine Familie, die sie unterstützen könnte, zuweilen haben auch ihre Angehörigen selber nicht genug Geld oder Zeit, um ihnen zu helfen. Viele Alte können sich auch medizinische Versorgung oder den Zahnarzt schlicht nicht leisten. Da ihre alten Häuser zudem ohne Wartung dem Verfall entgegen gehen, fällt auch diese letzte Möglichkeit eines Einkommens oft weg. Doch natürlich gibt es auch hoffnungsfrohe Gegenbeispiele, wie das von Donka Paprikova eröffnete Hospiz Miloserdie, wo Alte in Not einen Platz finden, in Würde zu sterben. Doch im Allgemeinen kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass sich niemand richtig um die Alten kümmert. Zuweilen kommt selbst der Notarzt nicht, wenn er hört, dass der Patient über achtzig Jahre ist.

Menschen mit Behinderungen
Eine traurige Seite der bulgarischen Gesellschaft und ein Überbleibsel aus kommunistischer Zeit ist die Institutionalisierung und die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen, die gemeinhin Invalide genannt werden. Mit Behinderungen geborene Kinder werden oft in Einrichtungen abgegeben, entweder weil sich die Familien ihrer schämen oder weil sie nicht die Möglichkeiten zu ihrer Erziehung haben. Erwachsene mit Behinderungen werden als krank bezeichnet und haben deshalb Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden. Sie erhalten eine beschämend geringe Einkommensunterstützung. Unfallopfer, die sich plötzlich im Rollstuhl wiederfinden, sind oft über Jahre im Haus eingesperrt, weil sie im vierten Stock wohnen und es keinen Fahrstuhl gibt. Generell erhalten Behinderte sehr wenig Zuwendung, obwohl in letzter Zeit viel getan wird, das zu ändern.

Diskriminierung
Die bulgarische Gesellschaft hat noch große Probleme mit Menschen, die anders sind. Minderheiten werden stereotypisiert und diskriminiert. Dies betrifft nicht nur Roma, Einwanderer, Flüchtlinge und Asylsuchende, Vorurteile richten sich auch gegen Bulgaren mit Behinderungen oder
Homosexuelle.
Das bei weitem größte Problem aber liegt in der Beziehung zwischen ethnischen Bulgaren und der Minderheit der Roma. Die meisten Bulgaren nennen die Roma Zigani (Zigeuner) und sprechen dies zumeist mit einem derart negativen Unterton aus, dass es kein Wunder ist, wenn die Vorurteile von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Vor allem in den Städten zeigt sich die Segregation der bulgarischen Gesellschaft, die zwar nicht gerade politisch beabsichtigt, aber hingenommen wird. Die Roma gehören zu den ärmsten, leben in den ärmeren Bezirken und gehen auf schlechtere Schulen. Erhalten sie keine angemessene Ausbildung, so haben sie auch wenige Chancen auf einen guten Job und den Ausbruch aus diesem Teufelskreis.
Auf Druck der EU und mit deren Fördergeldern werden Projekte zur Integration der Roma in die bulgarische Gesellschaft und für mehr Chancengleichheit durchgeführt, doch gibt es nur langsamen Fortschritt, da man mit dem Thema auch keine Wählerstimmen gewinnt. Seit dem Jahr 2000 wurden die Roma-Schulen schrittweise aufgelöst und die Roma-Kinder in allgemeinen Schulen untergebracht. Dies wurde zunächst in den Städten in der Provinz durchgeführt, zuletzt auch in Sofia.
Es gibt gewisse Diskrepanzen in den statistischen Angaben darüber, wie viele Roma in Bulgarien leben. Dies liegt auch daran, dass sich viele Roma in Umfragen nicht zu ihrer Minderheit bekennen, da es während des Kommunismus untersagt war, sich als Roma zu bezeichnen. Während die offizielle Angabe bei 3% liegt, gehen viele davon aus, mindestens 10% oder 800 000 Menschen in Bulgarien zählten zu den Roma. Bulgarien ist damit zusammen mit Ungarn und Rumänien das Land mit der weltweit höchsten Konzentration an Roma.
Außer einigen Pop-Folk-Stars haben bisher nur sehr wenige Angehörige der Roma ihren Weg in der bulgarischen Gesellschaft erfolgreich gestaltet und den Durchbruch geschafft. Es gibt aber einige politische Parteien der Roma, eine der populärsten ist Evro Roma, die von einem bulgarischen Model und einem früheren Parlamentsmitglied geleitet wird, das der Verwicklung in die organisierte Kriminalität überführt wurde. Angesichts ihres großen Stimmanteils könnten die Roma durchaus zu einer bestimmenden Kraft in der künftigen Politik Bulgariens werden.

 
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